Das Thema Tod ist in unserer Gesellschaft tabu. Auch heutige seriöse Astrologen beantworten die Frage nach dem physischen Tod nicht, weil das als unethisch empfunden wird. Allenfalls finden wir den Tod in der Astrologie als Metapher für Wandel, d. h. für Prozesse, in denen wir uns auf tief greifende Weise verändern. Das passiert oft auf schmerzliche Art, manchmal aber auch ganz subtil, fast unmerklich. Genauso wie der physische Tod. Die Art und Weise zu beschreiben, WIE etwas geschieht, ist die Spezialität der heutigen Astrologie. Insofern kann sie auch beschreiben, wie wir sterben - im übertragenen wie im konkreten Sinne. Kann sie auch den Zeitpunkt des Todes voraussagen? Und wie steht die Astrologie zur Wiedergeburt?
Eigentlich müsste man sich zuerst einmal fragen: Was habe ich davon zu
wissen, wann ich abtreten muss? Wie werde ich weiterleben können, wenn
ich darüber Bescheid weiß?
Mutter Natur hat vieles perfekt eingerichtet: Bevor der Mensch alles durcheinanderbrachte,
hatte sie eine sich selbst erhaltende und erneuernde Ordnung voller Schönheit
hervorgebracht. Vielleicht gehört das Geheimnis um den Todeszeitpunkt dazu,
denn bestimmt nicht jeder ist dem Wissen um dieses letzte Geheimnis seelisch
gewachsen. Und das ist auch einer der Gründe für seine Tabuisierung:
Wir fürchten den Tod normalerweise so sehr, dass wir nichts mit ihm zu
tun haben wollen. Ein Vorteil, den das Wissen um den eigenen Todeszeitpunkt
jedoch haben könnte, wäre eine bessere Planbarkeit des eigenen Lebens.
In alten Zeiten, genauer gesagt von der Antike bis zur Renaissance, dachte man
in unserem Kulturraum in dieser Hinsicht sehr viel pragmatischer als heute und
sah einen Vorteil genau darin - vermutlich, weil das Überleben früher
viel schwerer war. Der berühmteste Astrologe der Antike, Ptolemäus,
sah keinen Sinn darin, ein Geburtshoroskop zu deuten, ohne vorher den Todeszeitpunkt
zu errechnen. Wozu die Talente, Einkommen und Hochzeit deuten, wenn der Horoskopeigner
gar nicht alt genug wird? Man hatte wirklich keine Ressourcen zu verschwenden
- weder der Astrologe noch sonst jemand! Darum war der Tod in der traditionellen
Astrologie nicht so tabuisiert wie heute.
In der klassischen Astrologie hat man den Todeszeitpunkt also tatsächlich
errechnet. Auch die indische Astrologie kennt solche Techniken. Die Berechnungen
sind kompliziert und heute kaum noch bekannt. Abgesehen davon, dass heute kaum
ein Astrologe diese Techniken beherrscht und anwendet, gilt es als unseriös
und unmoralisch, einen Todeszeitpunkt zu berechnen. Die Wahrscheinlichkeit sich
zu irren ist immer gegeben, schließlich sind Astrologen auch nur Menschen!
Und dann ist es auch eine Frage der Verantwortung - diese Bürde will
kaum jemand tragen, denn wer weiß, in welche Krise der Fragende gerät,
wenn er tatsächlich ein konkretes Todesdatum erfährt. Seriöse
Astrologen wollen in erster Linie helfen. Darum wollen sie niemanden durch solche
Berechnungen belasten. Trotzdem sollte die Frage nach dem Tod nicht tabuisiert
werden. Dadurch wird er nicht weniger bedrohlich und wir lernen nicht, "gut"
zu sterben, d. h. uns vorzubereiten. Je näher der Zeitpunkt rückt,
desto mehr Gedanken macht man sich. Werde ich mich schnell und plötzlich
verabschieden oder wird es langsam gehen?
Was die Astrologie hier bieten kann, ist ein Einblick in unsere Art, etwas loszulassen,
das für uns existenziell wichtig ist. Also auch das Leben und den physischen
Körper. Es macht doch einen Unterschied, ob wir uns bewusst auf einen Weg
zu machen und wissen, dass wir nicht mehr zurück können, oder ob wir
da einfach so hineinstolpern. Im Horoskop wird dazu besonders das 8. Haus angeschaut:
Zeichen, Herrscher und Planeten in diesem Haus haben mit Sterbeprozessen auch
im übertragenen Sinn zu tun. Auch Mars, Saturn und Pluto können Auskunft
und Impulse geben, wie so ein Sterbeprozess für uns möglichst souverän
und individuell passend gestaltet werden kann.
Der aus dem Sanskrit stammende Begriff "Karma" wird bei uns oft falsch verstanden. Gemeint ist eigentlich, dass jede Tat Konsequenzen hat. Das bedeutet im Grunde die Freiheit und die Aufforderung, die volle Verantwortung für sein Leben und seine Taten zu übernehmen, und nicht, dass man ein unabänderliches Schicksal aushalten muss. Das Horoskop kann als Ausgangspunkt verstanden werden: Darin enthalten sind alle Neigungen, Schwächen und Talente und wir haben die Aufgabe, möglichst konstruktiv damit umzugehen und etwas aus den Potenzialen zu machen. Selbsterkenntnis durch die Astrologie kann dabei enorm helfen. Auch wenn nicht alle Astrologen darüber reden, so ist schon allein die Tatsache, dass im Moment der Geburt ein Horoskop erstellt werden kann, in dem schon alles enthalten ist, ein Hinweis darauf, dass der Karmagedanke für die Astrologie grundlegend ist. Mit anderen Worten: Aus astrologischer Sicht gab es ein Leben vor unserer Geburt - und darum ist es wahrscheinlich, dass es auch eines danach gibt.

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